Erzählnacht „So ein Glück“ vom Freitag, dem 13. November

Das diesjährige Thema der Erzählnacht motivierte die Deutschlehrpersonen der Sekundarschule Pratteln dazu, gemeinsam einen Abend zu planen. Ein Abend voller Geschichten und Glück – wie es die Erzählnacht will – hätte es werden sollen. Aufgrund der gegebenen Umstände war es nicht möglich, den Abend wie geplant durchzuführen. Der angedachte Geschichtenwettbewerb wurde dennoch in einigen Klassen umgesetzt, dazu unten einige der klassenintern gekürten Gewinnertexte. Die Klassenlehrpersonen Herr Matiz mit der 2Pb und Frau Grubenmann mit der 2Ec führten mit ihren Klassen jeweils einen kleinen Abendanlass durch: ein Zusammen- und Unterwegssein an der frischen Luft, im dunkeln Wald, am Feuer - und mit Glücks- und Gruselgeschichten!

So ein Glück I

Der Wind pfiff durch die Gassen der noch stillen Stadt im Morgennebel. Durch die Pfützen marschierte Monk auf direktem Weg zum Hafen. Noch heute wollte er mit einem gefüllten Rumpf von Seide und Samt seinen Weg fortsetzen zu den Handelsherren von Porléon. Im Stechschritt wankte er durch die Gassen bis zum Hafen, welcher belebt wie immer war. Der Hafen schläft nie. Schon in den frühen Stunden des neuen Tages sammelten sich Händler, Tagelöhner und Seemänner auf den Kais. Zielstrebig führte sein Weg ihn zum Ende der Kais, wo nur ein einzelnes Schiff in der Hafenmauer lag. Die Schicke Linde. Seine Kogge erhob sich geisterhaft aus dem Nebel und überragte die Kutter rundherum bei weitem. Mit wehleidigem Blick erklomm er die Planke zum Schiff. Weder seine Frau noch seine Tochter waren zum Abschied gekommen, was nicht sonderlich überraschend war, da sie nicht mal wussten, dass er in der Stadt war. Am gestrigen Abend wollte er zurück ins Haus seiner Familie und seine Familie begrüssen, da er eigentlich nur auf der Durchreise war. Als er nun am Abend zuvor um das stolze Herrenhaus schlich, erspähte er durch das verstaubte Küchenfenster seine Frau, umschlungen von einem Mann, welcher seine Lippen auf die ihren gepresst hatte. Ein Schock durchfuhr seinen Körper. Nach diesem schrecklichen Augenblick setzte er alles daran, dass seine Kogge noch im Morgennebel des nächsten Tages die Segel setzten konnte und die Reise weiter ging. Im Nachhinein schelte Monk sich dafür, dass er den Worten seines Nachbars kein Ohr geliehen hatte. Dieser halbblinde Seebär behauptete seit seinen ersten Seefahrten, dass sich seine Frau in der Abwesenheit ihres Mannes andere Liebesgefährten suche und die Wochen in diesen Armen verbringe. Wenn Monk nur wüsste, welcher Bastard dieser verdammten Stadt sich seiner Frau bedient, hätte er ihm vor seinem Haus aufgelauert und ihn dem Tod übergeben.

In Gedanken verloren erklomm er die Planke und brüllte mit rauer, kratziger Stimme der verschlafenen Mannschaft Befehle zu. Alsbald lag das Schicksal des Schiffes und ihrer Besatzung in den Händen der Götter des Salzes.

Durch ein Klopfen an seiner Käuten schreckte Monk aus unruhigem Schlaf. Seine Träume drehten sich seit geraumer Zeit um den Liebhaber seiner Frau und wie sich dieser über ihn lustig machte. Mit viel Gefluche und Geschrei warf er sich seinen Flickenteppich eines Mantels über die Schultern. Noch eine Pistole in den Halfter gesteckt und sich sein Säbel an seinen Gürtel gebunden und schon stürmte er auf das im Sonnenaufgang liegende Deck. Als ergötzten sich die Götter in seinem Elend sandeten sie im schönstes Fahrwasser, starke Winde und sternenklare Nächte. An der Reling stand eine Schar von Matrosen, welche mit wildem Gefuchtelt auf einen Punkt auf dem weiten Blau zeigten. «Was ist die Entschuldigung der werten Herren, dass sie ihre Posten verlassen haben?», brüllte Monk missmutig die aufgescheuchte Schar an. «Dort, Kapitän, ist ein Schiff!» «Na und? Ist doch nicht das erste was du siehst, Schwachkopf?» Langsam war er über das Verhalten seiner Mannschaft genervt. Der fehlende Schlaf machte sich nun mit pochenden Kopfschmerzen bemerkbar. «Das ist kein normales Schiff», meinte der alte Knut. Er hatte nur noch eine Hand und war auf einem Ohr taub, doch keiner seiner Männer konnte so geschickt mit den Kanonen im Bauch des fahrenden Titanen umgehen wie dieser Mann. «Es ist ein Schiff von Freibeutern», ein Matrose von hinten, «und die halten direkt auf uns zu!». Panik machte sich unter den Matrosen breit. Seit jeher waren Matrosen ein abergläubisches Volk gewesen und ein schöner Sonnenaufgang ist leider nur selten ein Zeichen von Sieg im Kampf. Durch das Klopfen auf das Deck mit einer herumliegenden Harpune verschaffte sich Monk gehör: «Es wäre nicht das erste Schiff, was mit üblen Absichten die Schicke Linde anfällt und doch reitet sie immer noch die Schaumkronen der Ozeane. Zeigen wir dem Pack von hinterhältigen Bastarden, wer die Hosen anhat. Und deshalb will ich jetzt, dass dieses Schiff zu einer uneinnehmbaren Festung bereit gemacht wird, das sogar den Stürmen der Götter trotzt!»

Mit Gejohle und Zustimmung ging die Mannschaft ans Werk. Kanonen wurden gereinigt, Geschosse an Deck geschleppt und Schwarzpulver in die Läufe der Pistolen, Gewehre und Geschosse gestopft. Der gegnerische Kahn schoss mit nicht abbrechender Geschwindigkeit auf die Kogge zu. Das Gefährt eröffnete bald das Feuer. Dunkle Schwaden von Dampf verdunkelten den anbrechenden Morgen und liessen die Sonne hinter einer Wand aus Dunkelheit verschwinden. Die ersten Enterhaken schlugen in das splitternde Holz der Schicke Linde, folgend von blutrünstigen Piraten. Schon bald war das Schiff gefüllt mit dem gefürchtetem Pack. Bald war klar, dass die Matrosen eine längst verlorene Schlacht kämpften. Bald hielten sich nur noch wenige Matrosen auf den Beinen und auch Monk fiel es immer schwerer sein Säbel durch unzählige Leibe zu schneiden. So sollte er diese gottverdammte Welt verlassen? Verloren von Glück und Liebe? Nein, sicherlich nicht! Er würde als König dieser Welt sterben, mit einer Krone aus purem Glück und auf einem Thron, der selbst die höchsten Berge überragt. Ein wutentbranntes Knurren entsprang seiner Kehle. In der rechten Hand schwang er seinen blutdurchtränkten Säbel und mit der linken umklammerte er die geladene Schusswaffe. In einem Rausch, der selbst von Berserker als Tollwut anerkannt würde, beschenkte er die Welt mit Waisen und Witwen in Hülle und Fülle. Nur noch ein Pirat stand zwischen dem Sieg und dem Tod. Blut besprenkelt war sein kahlgeschorener Kopf, welcher auf einem massigen mit Narben übersäten Körper sass. Lachend schwand dieser sein dunkelrotes Schwert und stürmte mit krächzendem Geschrei auf Monk zu. Im letzten Moment vor dem unausweichlichen Aufschlag des Säbels, riss Monk sein Säbel nach oben. Das klirren erfüllte die nach Schweiss und Blut riechende Luft. Sein ganzer Arm bebte nach der Wucht des Angriffes. Einem weiteren schwungvollen Angriff konnte Monk nichts entgegensetzen. Ein lähmender Schmerz breitete sich vom Oberschenkel aus, wo das gezackte Schwert im Leib steckte. Das rechte Beim knickte unter der Last des Körpers zusammen und Monks Körper krachte auf das Deck. Auf den Knien blickte Monk in das Gesicht seines Mörders. Das entstellte Gesicht des massigen Giganten war zu einer lachenden Grimasse verzogen. Mit einem lauten Pochen fiel seine linke Hand auf die Planken des Handelsschiffes. Seine verkrampften Finger lösten sich langsam vom Perlmutt besetzten Griff der Pistole. Das Lächeln kehrte auf Monks blutige Maskerade zurück. Vielleicht hatte das Glück ihn doch nicht vergessen. Mit zittriger Hand hob er die reichhaltig verzierte Pistole und richtete sie auf das erstarrte Gesicht des Freibeuters. Wie in Zeitlupe riss dieser nun sein mächtigen Säbel vom Boden hoch und holte zum Schwung aus, um dem knienden Mann den Gnadenstoss zu verpassen. Ein letzter Schuss durch drang die morgendliche Stille, gefolgt von einem dumpfen Klang, als etwas Schweres auf Holz krachte. Als sich die Rauchschwaden des Kanonenfeuers lichteten, liessen sich die Möwen nicht zweimal Bitten und liessen sich zu einem blutigen und grausigen Mahl nieder.

Lino, 3Pa

 

So ein Glück II

Hallo, ich erzähle euch meine Geschichte, also hört gut zu. Es war Winter. Überall lag weisser und glänzender Schnee. So weiss wie die Schneeflocken waren, sah man sie im späten Abend immer noch glänzen. Leider konnte ich nicht mit einem heissen Tee auf einem kuscheligen Sessel vor dem Fenster sitzen und zusehen, wie schön es draussen schneit, denn ich war der Mann draussen, der ohne Schuhe, mit dreckigen Kleidern, ohne ein Dach über dem Kopf auf dem Boden sass und fast erfror. Ich wollte noch nicht sterben, nicht bevor mein Glück angekommen war. Jeden Abend betete ich zu Gott. Ich schlief irgendwann ein und versuchte die Kälte zu vergessen und dabei nur an die schönen Dinge zu denken, die ich mir leider nicht leisten konnte. Ich wachte schmerzerfüllt auf, ich spürte Tritte gegen meinen Körper, bis ich meine Augen aufmachte. Ich sah drei Männer um mich, sie fluchten, spuckten und traten auf mich ohne jeglichen Grund, während ich mich hoffnungsvoll nach Glück sehnte. Nachdem ich fast nicht mehr atmen konnte, hörten sie mit dem Treten auf und einer rückte vor und schrie: ,,Du verschmutzt unsere Strassen, verpiss dich, du Penner!’’ Ich hatte Tränen in den Augen. Er drehte sich um und ging mit seinen Freunden fort. Ich versuchte weiter zu schlafen, doch es ging nicht. So gingen die nächsten Abende auch zu Ende bis kurz vor Weihnachten. Einen Tag vor Weihnachten lief ein Mann mit eleganten Schritten und Markenkleidern an mir vorbei. Er sah mich an und lief langsam zu mir. Doch ich hatte Angst, dass er auch auf mich eintreten könnte. Also schrie ich: ,,Bitte schlagen Sie mich nicht!’’ Er schaute mir erschöpft in die Augen, nahm etwas aus seiner Jackentasche raus und drückte es mir in die Hand. Dabei lächelte er mich an und wünschte mir frohe Weihnachten. Danach ging er. Ich öffnete meine Hand und sah ein Lottolos. So schnell wie ich konnte, rannte ich zu dem ersten Kiosk, den ich sah. Ich gab das Los an den Ladenbesitzer, doch er schaute mich angewidert an. Als er das Los nach den Punkten zählen wollte, traute er seinen Augen nicht. Dann lächelte der Ladenbesitzer den Mann an und sagte erfreut: ,,Glückwunsch, Sie haben im Lotto gewonnen.’’ Ich sah ihn erstaunt an, ich konnte nicht fassen, dass ich im Lotto gewonnen habe. Diese langen kalten Jahre im Winter waren nun zu Ende, ich konnte mein Glück kaum fassen. Mit Tränen in den Augen nahm ich den Lottoschein an und fragte: ,,Was nun?`` Der Ladenbesitzer lächelte mich an und erklärte, was ich nun zu tun habe. ,,Sie müssen sich nun ein Konto eröffnen, auf dies wird Ihnen dann das Geld in 2-3 Tagen überwiesen.`` Dankend schüttelte ich ihm kräftig die Hände. Ich betete zu Gott und dankte ihm. Mit dem Lottoschein in der Hand ging ich zur nächstbesten Bank und eröffnete ein Konto. Auf dem Weg zur Bank konnte ich die letzten Blicke der Menschen sehen, wie sie sich über mein Aussehen lustig machten. Ich tat lange so, als würde es mich nicht interessieren. Heute wurde mir klar, wie sehr man auf sein Erscheinungsbild reduziert wird. Von dem Tage an verlief mein Leben perfekt, ich konnte mir ein Dach über meinem Kopf leisten. Endlich bekam ich warmes Essen in den Magen. Ich konnte mir ärztliche Hilfe und Medizin leisten. Ich konnte mir jeden Wunsch erfüllen. Die 3 Tage gingen langsamer denn je. Aber ich geduldete mich. Das Geld kam an. Ich kniff mich selber, um zu glauben, dass dies kein Traum, sondern die Realität war. Auch als Millionär war ich dazu bereit, mir eine Arbeit zu finden. Das ging einfacher als ich dachte. Reichtum kann vieles beeinflussen und ermöglichen. Auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch in meinem gemütlichen Anzug strahlte ich nur von Selbstbewusstsein und Glück.

Auf dem Weg kamen mir drei Gesichter besonders bekannt vor. Die Männer, die auf mich eingeschlagen hatten, sassen an dem Platz, an dem ich einmal sass. Ich ging auf sie zu. Die Wut in mir war gross. Ich stand vor ihren Füssen und starrte sie an. Sie bettelten nach Geld, jedoch hatten sie nicht die Kraft, mir in die Augen zu sehen. Ich fragte: ,,Erkennen Sie mich noch?`` Die Blicke der drei Männer waren unbezahlbar. Auf einmal sahen sie mich an. ,,Ich vergesse nicht, was ihr mir angetan habt, aber ich verzeih euch. Ich bemitleide euch nicht, aber ich sage auch nicht, ihr hättet das verdient. Ihr wurdet von Gott geführt``. Bevor sie noch den Mund aufbekamen, nahm ich 10 Franken aus meiner Hosentasche und sagte: ,,Hier, teilt euch das``. Sie dankten mir und versprachen keinen Hass weiter zu verbreiten. Man muss selbst erst in die Situation gelangen, um den anderen Menschen zu verstehen. Ich machte mich auf den Weg zu meinem Vorstellungsgespräch mit einem guten Gewissen.

Yagmur Kutlu, 2Eb

 

Wo Geld ist, ist auch Glück

Vor langer Zeit lebte eine Bauernfamilie auf dem Land fern ab des Geschehens und der grossen Städten. Die Familie setzt sich zusammen aus dem Vater, der Mutter und zwei Kindern. Die beiden Kinder gehen nicht wie andere Kinder in die Schule, sondern sie helfen schon in ihren jungen Jahren mit auf dem Land. Es ist eine sehr anspruchsvolle Arbeit, doch sie sind damit aufgewachsen. Der achtjährige Junge Björn hilft Vater Ragnar auf den Feldern, seine sechsjährige Schwester Amelie hilft Mutter Helen, die Tiere zu pflegen und zu kochen. Seit die beiden Kinder auf der Welt sind, hatte die Familie kein sehr gutes Einkommen mehr. Sie leben so sparsam wie möglich. Es gefällt ihnen zwar auf dem Land, doch in der Stadt wäre es viel einfacher zu leben. Ihnen fehlt jedoch das Geld, Land in der Nähe einer Stadt zu kaufen und ausserdem müssten sie wieder eine genau gleich gute Ernte haben, wie bevor Björn geboren wurde. Vielleicht wird es ja dieses Jahr endlich klappen. Sie leben im Königreich von England, ab und zu kommen ein paar Wanderer vorbei, die nach Wärme suchen. Ragnar hat bisher jeden eingeladen auf ein warmes Bett und ein gemeinsames Abendessen. Sie sehen sonst nur in der Stadt andere Menschen und das ist zwei Mal im Jahr, wenn sie ihre übrige Ernte verkaufen. Bis man von ihrem Hof aus in der Stadt ist, braucht man zweieinhalb Tage zu Fuss. Letztes Jahr durfte Björn sogar mitgehen, sie kamen jedoch nicht mit viel zurück. Die ganze Familie hofft auf bessere Zeiten.

Es war wieder kurz vor Ernte und Ragnar war überrascht. Er hatte noch nie so viel angepflanzt. Es war wie ein Wunder, oder war es nur Glück? Als der Tag kam, als die Familie erntete, staunte Ragnar, sie mussten sogar neue Säcke nähen, da sie kein Platz mehr für das ganze Getreide hatten. Es waren eindeutig Rekordzahlen und die Familie konnte von Tag zu Tag mehr von einem Leben in der Stadt träumen. Als sie nach über 45 Erntetagen endlich fertig wurden, überlegten sie sich, was sie mit dem ganzen Getreide noch machen können. Helen kam die Idee, Brot zu machen und schlussendlich backten sie alle gemeinsam Brot. In der nächsten Stadt Liverpool gab es schliesslich einen Bäcker und auf dem Markt sah man das bestimmt noch nie, denn nur die Reichen können sich heutzutage Brot noch leisten.

Als Ragnar beschloss, loszuziehen, merkte er erst, wie viel Brot sie eigentlich innerhalb von zwei Tagen gemacht hatten. Die beiden Wagen von ihnen waren ganz gefüllt obwohl sie noch nicht mal alles aufgebraucht hatten, das hatten sie noch nie. Sie gingen schliesslich zu viert los. Nachdem sie angekommen waren, merkten sie, dass sie nicht zwei und einen halben Tag gebraucht hatten, sondern drei ganze Tage. Sie waren viel langsamer unterwegs als sonst. Sie mussten immer wieder anhalten, um sich auszuruhen, den das Gewicht was sie schleppen mussten, war enorm. Als sie ankamen, zahlten sie einen Marktstand für den nächsten Morgen, bis dahin konnten sie sich noch schnell ausruhen. Am nächsten Morgen standen sie um vier Uhr auf. Sie gingen bereits zum Stand und bereiteten alles vor und warteten nur noch darauf, dass die ersten Kunden kamen. Als sich der Marktplatz dann langsam füllte, lief das Geschäft so gut wie noch nie, die Leute standen Schlange, nur um das Brot der armen Bauernfamilie zu kaufen. Als sie schlussendlich fast ausverkauft waren, beschloss Ragnar, für heute zu schliessen. Er wollte noch einmal auf den Hof gehen, nochmals backen und dann schlussendlich in die Stadt ziehen. Als sie zu Hause ankamen packten sie alles ein, was sie finden konnten, anschliessend backten sie noch mehr Brot. Ganze vier Tage hatten sie nur gebacken. Dann gingen sie endlich los. Diesmal hatten sie über eine Woche, bis sie wieder in Liverpool waren. Mit dem Geld, das sie vorher verdient hatten konnte Ragnar sogar die Bäckerei aufkaufen und die Wohnung oben drin. Nun mussten sie keinen Marktstand mehr kaufen, sondern konnten  hinter einer richtigen Theke verkaufen. Ihr Geschäft lief von Tag zu Tag besser, das gute Brot sprach sich herum und Menschen aus dem gesamten englischen Königreich kamen nur nach Liverpool, um ihr Brot zu kaufen und essen. Mittlerweile kauft Ragnar das Getreide selbst ein und dann backen sie in der eigenen Bäckerei ihr eigenes Brot.

Timo, 2Pa

 

Keine Zeit für Glück

Die Bäume schwebten über dem Boden.
Ich kniff die Augen zusammen, doch die drei riesigen Eichen, unter denen ich vor ein paar Minuten noch geschlafen hatte, befanden sich immer noch einen guten Meter über dem Untergrund. Mit Wurzeln und allem. Und obwohl ich mir sicher war, dass diese Eichen und ich definitiv in unseren Garten gehörten, erstreckte sich die Wiese, auf der ich sass, bis zum Horizont. Träumte ich? Wahrscheinlich. Das Gras unter meinen nackten Füssen fühlte sich zwar nass und kalt und ziemlich real an, aber ich war mir ziemlich sicher, dass fliegende Bäume und endlose Wiesen nicht normal waren. Schon gar nicht in den Aussenbezirken von Paris.
«Sieht spektakulär aus, nicht wahr?»
Ich fuhr herum. Hinter mir sass eine ältere Dame auf einer heruntergekommenen Bank, die vorher ganz sicher nicht da gestanden hatte, und strickte einen Schal. Ihre langen grauen Haare waren zu einem Knoten auf ihrem Hinterkopf zusammengebunden und ihre Kleidung sah so aus, als hätte sie eine Zeitreise gemacht und bei jedem Stopp jemanden ausgeraubt: eine abgenutzte Lederjacke, ein Ritterhemd, Seidenhandschuhe, ein bodenlanger brauner Wollrock und ein riesiger grüner Hut, der neben ihr auf der Bank lag. Sie war barfuss.
Erst als sie realisierte, dass ich ihr wahrscheinlich nicht antworten würde, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, sie ungläubig anzustarren, sah sie auf. Sie lächelte und bedeutete mir, mich neben sie zu setzen. Ihre Strickarbeit unterbrach sie dabei nicht für eine Sekunde. Ich war immer noch nicht in der Lage, Worte zu bilden, also ging ich unsicher auf die Bank zu und liess mich neben der Dame nieder. Wenn das hier nur ein Traum war, konnte ich ja machen, was ich wollte, oder nicht?
Eine lange Zeit sagte keiner von uns etwas. Erst als ich meine Beine angezogen und meinen Kopf auf meine Knie gelegt hatte, fragte ich: «Entschuldigen Sie, Madame, aber wissen Sie, ob das alles hier nur in meinem Gehirn passiert?»
Ihre Stricknadeln klickten im Sekundentakt und ihre Mundwinkel zuckten, als sie sich zurücklehnte und mich anblickte. Jetzt, wo ich so nah neben ihr sass, fand ich, dass sich in ihren Augen Nebelschwaden zu befinden schienen.
«Natürlich. Aber nur, weil wir uns in deinem Kopf befinden, heisst das nicht, dass wir nicht real sind», antwortete sie. Ich runzelte die Stirn. Vater sagte zwar, ich sollte damit aufhören, wenn ich nicht mit 30 schon Falten im ganzen Gesicht haben wollte, aber ich tat es trotzdem.
«Haben Sie gerade Dumbledore zitiert?»
Sie lachte. Es klang wie Sommerregen an einem sonnigen Tag und es war ein so wunderschönes Geräusch, dass ich am liebsten aufgenommen hätte, um es mir immer wieder anzuhören. Früher wollte ich, dass mein Lachen bei Leuten auch diese Reaktion auslöst, aber mir wurde gesagt, ich würde lachen wie eine Ziege.
«Wer sagt denn, dass Professor Dumbledore nicht mich zitiert hat?», sagte die Dame dann.
Das verwirrte mich so sehr, dass ich meine Augenbrauen noch mehr zusammenzog und schnell das Thema wechselte.
«Warum fliegen die Bäume?»
Sie sah mich erschrocken an. Das Klackern ihrer Stricknadel war zu einem stetigen Hintergrundgeräusch geworden.
«Magst du sie nicht? Das tut mir leid, ich dachte, du würdest sie interessant finden. Ich habe schon lange nicht mehr mit Kindern gesprochen.» Sie klang ehrlich besorgt und bevor ich etwas erwidern konnte, landeten die Eichen mit einem lauten Knall auf dem Boden. Die auf den Ästen sitzenden Vögel flogen aufgescheucht weg und die Wurzel der Bäume begannen sich wieder in den Boden zu graben. Ich sah mit grossen Augen zwischen den Eichen und der Dame hin und her. Dass sie die Kontrolle über unsere Umgebung hatte, obwohl wir uns angeblich in meinem Kopf befanden, beunruhigte mich ein wenig. Ich setzte zu einer weiteren Frage an.
«Madame, wenn Sie die Bäume kontrollieren können, ist es Ihnen dann auch möglich, diese Bank zu teleportieren?»
Die Frage kam mir ganz sinnvoll vor. Wenn ich träumte, dann konnte ich das ja wohl ruhig ausnutzen; Ich habe mich sowieso schon immer gefragt, wie sich Teleportation anfühlt.
«Aber natürlich. Wo würdest du gerne hingehen? Ich habe gehört, die Antarktis soll zu dieser Jahreszeit sehr schön sein.»
Die Antarktis? Auf keinen Fall. Ich hasste die Kälte.
«Können wir die Notre Dame besuchen? Ich war schon lange nicht mehr dort», sagte ich nach kurzem Überlegen und sah die Dame erwartungsvoll an. Mir fiel auf, dass ich sie gar nie nach ihrem Namen gefragt hatte. Hatte sie überhaupt einen? Doch bevor ich noch irgendetwas sagen konnte, verschwammen die Bäume vor meinen Augen und das Gras unter meinen Füssen, als sich die Landschaft vor uns komplett auflöste.
Fazit: Teleportieren entsprach weder meinen Erwartungen, noch meinem Geschmack. Es fühlte sich an, als hätte jemand meine inneren Organe auf den Kopf gestellt und sich auf meinen Brustkorb gesetzt. 2/10, würde nicht weiterempfehlen. Und diese 2 Punkte vergab ich auch nur, weil die Aussicht auf dem knapp 70 Meter hohen Turm der Notre Dame über die umliegende Stadt wirklich hübsch war. Die Sonne ging gerade unter und tauchte die ganze Umgebung in gold-orangenes Licht. Ich kniff meine Augen zusammen und erhob mich von der Bank, um zum Rand der Plattform zu gehen und besser sehen zu können.
Wenn ich mit der Hand die Sonne abschirmte, konnte ich zu beiden Seiten die Seine fliessen und kleine Boote darauf fahren sehen. Die Hausdächer erstrecken sich soweit in alle Richtungen, dass ich mir einbildete, unser Haus zu sehen. Alles sah so echt aus, dass ich kurz daran zweifelte, mir das alles nur auszudenken.
Vor der Kirche standen Touristen, die begeistert Fotos schossen und von dieser Höhe aus aussahen wie Ameisen. Keine davon schienen das Gebäude zu betreten, was mich ein wenig irritierte. Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal hier war, begeisterten mich die riesigen Buntglasfenster so sehr, dass ich meine Eltern zurückgelassen hatte, um die Wände hochzuklettern, damit ich einen besseren Blick haben konnte. Was zwar nicht funktioniert hatte, aber mein Punkt war, dass der Abstand, den diese Leute hielten, wirklich seltsam war.
Erst dann entdeckte ich die Baugerüste, die die ganze Kirche umgaben und die eingefallenen Balken und Bögen, die sich hinter uns befanden. Plötzlich schien der Geruch von Verbranntem in der Luft zu liegen und ich hielt mir entsetzt die Nase zu.
«Was ist hier passiert?»
Ich drehte mich verstört zu der Dame um, die immer noch auf der Bank sass und strickte. Sie sah sich zuerst unsere Umgebung und dann mich an. Die Zerstörung schien sie gar nicht zu verwundern.
«War der Brand nicht in den ganzen Medien?», fragte sie und legte den Kopf schief.
Ich sah sie verwirrt an. Brand? Was für ein Brand?
«Ich bin mir ziemlich sicher, dass Notre Dame nie gebrannt hat», sagte ich vorsichtig.
Jetzt schien ich sie verwirrt zu haben. Sie beäugte ihre Strickarbeit für mehrere Sekunden bevor sie lachte.
«Das hat sie tatsächlich noch nicht. Entschuldige mich, das war mein Fehler.»
Ich blinzelte einmal und die Baugerüste und das zerstörte Dach waren verschwunden. Als ich wieder nach unten blickte, konnte ich Leute sehen, die durch die weit geöffneten Türen der Kirche strömten und kleine Kinder, die aufgeregt auf die Buntglasfenster zeigten. Ich wollte das alles gerade wieder als eine Eigenart meines Gehirns abtun, als ich die Bedeutung ihrer Worte realisierte.
«Was meinen sie mit noch nicht?», fragte ich misstrauisch und bewegte mich wieder auf die Bank zu.
Die Dame winkte ab.
«Du wirst sehen, du wirst sehen.»
Das war der mit Abstand ominöseste Satz, den ich je gehört hatte. Wie in Trance setzte ich mich wieder neben sie auf die Bank und schlang meine Arme um meine Knie. Mit der schwindenden Sonne sank auch die Temperatur erheblich.
Eine Weile sassen wir einfach nur schweigend da und beobachteten den Sonnenuntergang. Die Glocken unter uns begannen zu läuten, aber ich war zu abgelenkt, um die Schläge zu zählen. Es war nicht unangenehm, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Also stellte ich die einzige Frage, die mir durch den Kopf ging.
«Wer genau sind Sie eigentlich, Madame?»
Sie sah mich kurz an und die Nebelschwaden in ihren Augen schienen sich zu verdichten. Dann legte sie ihren halb fertigen Schal zwischen uns auf die Bank.
Und was danach passierte, war mit Abstand das Aussergewöhnlichste, was ich je gesehen hatte.
Die Vögel über uns stoppten mitten im Flug und blieben in der Luft hängen.
Das Gelächter der Touristen verstummte und das Schreien der Kinder war nicht mehr zu hören.
Die Glocken unterbrachen ihr Geläute und blieben schräg in ihrer Halterung hängen.
Obwohl die Ampel auf der Strasse, die ich von hieraus sehen konnte, grün war, bewegte sich keines der Autos.
Der Wind hörte auf zu wehen und sogar die Seine hielt in ihrem Fluss inne.
Ich hatte ganz vergessen, dass mir die Dame noch eine Antwort schuldig war, als sie sagte: «Die Zeit. Ich bin die Zeit.»
«Die Zeit?», fragte ich.
«Die Zeit», bestätigte sie.
Ich nickte langsam. Wollte mir mein Unterbewusstsein damit irgendetwas mitteilen? Dass ich zu viel Zeit mit Tagträumen verschwendete? Oder dass ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen sollte? Ich konnte nicht aufhören zu nicken. Es war komplett still ohne das Klackern der Stricknadel, als hätte eine Uhr angehalten.
«Das klingt wahrscheinlich alles sehr merkwürdig für dich, aber ich musste dich in einem Traum besuchen, weil es mir nicht möglich ist, in Realität mit Menschen zu interagieren. Aber ich wollte mit dir sprechen», sagte sie dann leise, fast vorsichtig. Als hätte sie das Gefühl, ich würde mich bei einem falschen Wort vom Glockenturm stürzen um aufzuwachen. Sie hatte nicht Unrecht.
«Können Sie das ein wenig ausführen? Mit Vorgeschichte und allem?», sagte ich dann, ein bisschen unsicherer, als mir lieb war. Madame Zeit schien mit meiner Antwort zufrieden zu sein, denn sie lachte ein wenig und sah irgendwie erleichtert aus.
«Es ist aber eine relativ lange Geschichte», antwortete sie dann.
Ich wendete mich ihr wieder zu.
«Haben Sie Popcorn?»
Sie lachte wieder. Keine Sekunde später hatte ich eine bis zum Rand gefüllte Schüssel in den Händen. «In diesem Fall habe ich kein Problem mit langen Geschichten.»
Ich machte es mir, so gut das auf einer Holzbank ging, gemütlich, begann zu essen und sah die Dame erwartungsvoll an. Auch sie lehnte sich zurück und faltete ihre Hände in ihrem Schoss.
«Eigentlich bin ich nicht die Zeit. Aber ich stricke sie. Jede Masche, eine Sekunde, jede Minute, eine Reihe, jede Stunde eine Farbe, jeder Tag, ein Schal. Sobald ich aufhöre, stoppt die Zeit. Auf mich selbst hat das keine Auswirkungen, aber mit der Umgebung passiert, was du hier siehst. Nichts bewegt sich mehr», sagte sie und lächelte ein wenig. Sie sah so traurig und alt aus, dass mir direkt ein wenig kälter wurde.
«Ich habe eine Zeit lang, vor tausenden von Jahren, beschlossen, mir eine Auszeit zu nehmen und zu sehen, was passiert. Für mehrere Jahre bin ich auf der Erde herumgewandert, ganz alleine, und habe jede Ecke der Welt erkundet. Ich bin durch Ozeane geschwommen, durch Wüsten gewandert und habe Wälder erforscht – es gab keinen Stein, den ich nicht gesehen habe. Ich habe nie eine Pause gemacht, da ich weder physische Anstrengung noch Hunger fühle.»
Mittlerweile war und die Sonne untergegangen, und es war so kalt, dass meine Zähne anfingen zu klappern. Ohne ihre Erzählung zu unterbrechen, reichte mir die Dame ihre Lederjacke.
«Aber irgendwann wurde die Einsamkeit und die Stille unerträglich. Also ging ich zurück und nahm meine Arbeit wieder auf; der Schal und die Nadeln lagen genau dort, wo ich sie zurückgelassen hatte, komplett unbewegt. Es gab ja niemanden, der sie hätte nehmen können. Und als die Zeit wieder ihren normalen Lauf nahm, verschwanden alle Spuren, die ich hinterlassen hatte. Die Berge, die ich aus Langeweile verschoben hatte, rückten wieder an ihren ursprünglichen Platz und Brücken, die ich gebaut hatte, verschwanden und wurden wieder zu Bäumen. Als wäre ich nie da gewesen. Also fand ich mich ab, einfach ein Zuschauer zu sein. Ich beobachtete die Entdeckung des Feuers, die Erfindung der Medizin, den Fall des römischen Reichs, den Bau des Eiffelturms und des ersten Computers. Ich überlebte die Mayas und die Azteken und sah, wie Columbus Amerika einnahm.»
Sie schaute nachdenklich in die Ferne, wo man langsam die Sterne erkennen konnte. Es waren nicht viele, weil die Lichtverschmutzung in Paris gigantisch war, aber das war in Ordnung. Ich kannte es so oder so nicht anders.
«Die ganzen Ereignisse waren unglaublich interessant, verstehe mich nicht falsch, aber wenn man für die Menschheit unsichtbar ist, fängt man an, sich zu distanzieren. Damals, zur Zeit des alten Ägyptens, überlegte ich, ob ich meine Aufgabe nicht einfach abgeben konnte, um mit allen anderen Lebewesen auf der Erde zu leben. Aber es gab ja noch nicht einmal jemanden, der von meiner Existenz wusste, geschweige mit mir kommunizieren konnte. Es hat sehr lange gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass ich Leute in Träumen besuchen kann. Es bringt zwar den Nachteil mit sich, dass alle mich für ein Hirngespinst halten, aber das ist verständlich. Ich erwarte auch nicht, dass du jetzt schon denkst, ich wäre real. Aber wir haben Zeit», sagte sie und lächelte mich an.
Also, entweder mein Gehirn spuckte gerade kompletten Müll aus, oder ich wurde gerade verrückt. Um eine existenzielle Krise zu vermeiden, schob ich mir noch eine Handvoll Popcorn in den Mund.
«Aber meine Lebensgeschichte ist hier nicht wirklich von Belang, sie war mehr als Kontext für dich und die Leser gedacht», sagte sie dann und ich verschluckte mich so stark, dass ich erst nach ein paar Minuten wieder korrekt atmen konnte.
«Leser?», fragte ich dann ein wenig ausser Atem.
Die Dame winkte ab.
«Das ist eine Geschichte für einen anderen Zeitpunkt, die vierten Wand hat schon viel zu viel Schaden erlitten. Wie auch immer. Der Grund, warum ich eigentlich hier bin, ist ein Geschenk, das ich dir überreichen muss.»
Ich tat so, als hätte ich den abrupten Themawechsel nicht bemerkt. Ich hatte das Gefühl, wenn ich nachfragen würde, wäre ich endgültig auf dem Weg in eine Psychiatrie. 
Madame Zeit fasste in den Korb zu ihren Füssen, in dem, wie ich annahm, die Schals der letzten Tage lagen, und zog nach einem mehreren Minuten langen Herumstöbern ein grünes Knäuel Wolle hervor, das in etwa so gross war wie meine Handfläche. Sie streckte es mir entgegen, und obwohl ich nicht genau wusste, was sie von mir erwartete, nahm ich es ohne Widerworte. Ich konnte nichts Spezielles an dem Knäuel erkennen, es sah aus wie sticknormale Wolle. Ich sah die Dame an und wartete auf eine Erklärung.
«Ich habe dich gehört, als du vor ein paar Tagen zu deinem Vater gesagt hast, du hättest keine Zeit, glücklich zu sein.»
Das hatte ich tatsächlich gesagt. Warum sie das mitbekommen hatte, wollte ich eigentlich gar nicht wissen, also liess ich sie weiterreden.
 «Wenn die Erwartungen, die ich an deinen Lebensverlauf habe, sich als richtig herausstellen, wirst du auch in der Zukunft nicht mehr so viel Zeit für Glück haben. Diese Wolle», sagte sie und deutete auf das Knäuel, «ist Teil des Fadens, mit dem ich die Zeit stricke. Es sollte ziemlich genau ein Jahr sein. Wenn du ein Stück davon abschneidest, hält die Zeit für alle an ausser für mich und die Person, die den Faden hält. Du kannst den Faden auch teilen, wenn du das willst.»
Wenn das hier wirklich hundertprozentig ein Traum war, hatte mein Unterbewusstsein auf jeden Fall ganze Arbeit geleistet. Ich sah die Wolle in meinen Händen misstrauisch an.
«Dankeschön», sagte ich dann aber trotzdem und lächelte verhalten. Die Dame legte eine Hand auf meine Schulter und lächelte zurück.
«Gern geschehen. Das ist zwar nicht das letzte Mal, dass wir uns begegnen werden, aber bis wir uns wiedersehen: Nutze deine Zeit vorsichtig. Und sei glücklich.»
Damit wandte sie sich von mir ab und nahm ihre Strickarbeit wieder auf. 

Als ich aufwachte, fühlte ich mich komplett desorientiert. Aber als ich mich aufsetzte, sah ich neben mir die drei Eichen, fest verwurzelt im Boden, und neben mir unser Haus. Die Hintertür stand offen und ich hörte das leise Ticken einer Uhr. Nirgendwo eine Bank, keine brennenden Kirchen. Als ich aufstand, wickelte ich die viel zu grosse Lederjacke enger um meinen Körper und verstaute das grüne Knäuel Wolle in einer der Taschen. Dann begab ich mich langsam zur Tür und beschloss, dass das Universum sehr viel grösser und komplexer war, als ich bis jetzt angenommen hatte.

Anna Konkoly 3Pb